Nach einer wunderbar ruhigen und einsamen Nacht nahe des Roskildefjords frühstücken wir entspannt im Wohnmobil. Die Morgensonne spiegelt sich auf dem ruhigen Wasser und gibt den Blick frei auf die sanfte Hügellandschaft der Halbinsel Hornsherred. Wir packen zusammen und fahren nur ein paar Kilometer weiter zur alten Kirche von Selsø. Dort stellen wir das Wohnmobil ab und spazieren die kleine Allee entlang, die direkt auf das herrschaftliche Anwesen Schloss Selsø führt.
Am Eingang empfängt uns eine ausgesprochen nette Dame, die uns direkt auf Deutsch begrüßt und erklärt, dass wir uns im gesamten Haus völlig frei bewegen dürfen. Das ist heute ein seltenes Privileg, denn Selsø ist kein durchgestyltes Museum, sondern ein echtes Zeitdokument.
Die Geschichte dieses Anwesens reicht bis ins Mittelalter zurück, doch das heutige Barockschloss entstand im Jahr 1734 unter der Adelsfamilie von Plessen. Als 1829 die letzte Bewohnerin verstarb, fiel das Schloss in einen fast 150 Jahre dauernden Dornröschenschlaf. Die Erben nutzten das Gebäude nicht mehr als Wohnsitz. Räume dienten zeitweise als Getreidelager der umliegenden Landwirtschaft, Korn wurde auf den edlen Holzböden aufgeschüttet und Futter in den Gemächern gelagert. Das Anwesen diente als Fasanerie, Hühner liefen durch die Räumlichkeiten und im Inneren standen zeitweise sogar Bienenstöcke. In all den Jahrzehnten wurde im Gebäude nie elektrischer Strom, fließendes Wasser oder eine Zentralheizung verlegt, wodurch die ursprüngliche Bausubstanz völlig unverfälscht erhalten blieb. Der Zahn der Zeit nagte unbarmherzig an Wänden und Dächern.
Dass wir heute durch die Säle wandern können, verdanken wir dem Journalistenpaar Bernhard und Inger Linder. Sie entdeckten das verfallene Schloss in den 1970er Jahren und begannen eine Restaurierung, die in Europa ihresgleichen sucht. Statt alles glattzuziehen, neu zu streichen oder historisierend zu überkandideln, konservierten sie schlichtweg den vorhandenen Zustand bzw. restaurierten nur wenig und gezielt. Sie reparierten nur das Allernötigste an der grundsoliden Bausubstanz, um den weiteren Verfall zu stoppen.
Besonders faszinierend ist die stilistische Zweiteilung des Hauses, die man hier fast ideal im Verhältnis von halb und halb erleben kann. Die eine Hälfte präsentiert sich im opulenten Stil des Barock mit prächtigen Deckenmalereien, üppigem Stukkateurhandwerk und gewaltigen Kaminen. Die andere Hälfte spiegelt die spätere Umgestaltung im eleganten, schlichteren Empire wider, geprägt von klaren Linien, zarten Farben und klassizistischen Ornamenten.
So stehen wir in Räumen, in denen der Putz von den Wänden blättert, während gleichzeitig kostbare barocke Wandmalereien, handbemalte Papiertapeten und mächtige Kaminholzschnitzereien sichtbar bleiben. Das Licht fällt durch die alten Fensterscheiben in den großen Barocksaal und erzeugt eine besondere Atmosphäre. Im Keller geht es durch die gut erhaltene Schlossküche, wo der riesige Herd und die historischen Werkzeuge zeigen, wie beschwerlich der Alltag der Dienerschaft vor zweihundert Jahren war. Wir beschließen die Besichtigung mit Kaffee und einen Stückchen Apfelkuchen bevor weiterfahren.
Nach diesem tiefen Eintauchen in die Vergangenheit setzen wir unsere Fahrt fort und steuern das etwa zwanzig Kilometer nördlich gelegene Jægerspris an. Schloss Jægerspris präsentiert sich als ein völlig anderer Bautypus. Die dreiflügelige Anlage geht in ihren ältesten Teilen auf das 13. Jahrhundert zurück und diente den dänischen Königen über Jahrhunderte hinweg als Jagdschloss und Sommerresidenz.
Die wohl faszinierendste Epoche erlebte Jægerspris im 19. Jahrhundert durch Louise Rasmussen, besser bekannt als Gräfin Danner. Als uneheliche Tochter eines Dienstmädchens arbeitete sie sich von der Ballett-Tänzerin und Modistin hoch an den Hof. Sie wurde die Lebensgefährtin und schließlich die morganatische Ehefrau (Ehefrau zur Linken) von König Frederik VII. Da sie aus dem Volk stammte, schlug ihr aus dem Adel und der Oberschicht tiefe Ablehnung entgegen. Der König schenkte ihr Schloss Jægerspris als privaten Zufluchtsort.
Nach dem Tod des Königs gründete die Gräfin hier die Stiftung Kong Frederik den Syvendes Stiftelse. Sie bestimmte, dass das Schloss und das zugehörige Landgut nach ihrem Tod armen, waisen oder verlassenen Mädchen aus der Arbeiterklasse zugutekommen sollten. Bereits ab 1866 öffnete sie Teile der königlichen Gemächer für das Publikum – eines der ersten Museen dieser Art in Dänemark. Bis heute führt die Stiftung diesen sozialpolitischen Auftrag fort und betreibt auf dem Areal eine Kinder- und Jugendeinrichtung.
Wir spazieren im Anschluss kurz durch den weitläufigen Schlosspark. Zwischen mächtigen alten Buchen und Wegen finden sich Denkmalbüsten dänischer Persönlichkeiten, die der Bildhauer Johannes Wiedewelt hier im späten 18. Jahrhundert aufgestellt hat.
Wir lassen die Schlösser hinter uns und überqueren den Roskildefjord in Richtung Frederikssund. Nach den Erkundungen der letzten Tage steht uns der Sinn nach einer ausgiebigen Erfrischung. Das örtliche Schwimmbad erweist sich als Glücksgriff. Zwei Stunden lang ziehen wir unsere Bahnen, entspannen ausgiebig in den warmen Saunen und genießen das erfrischende Gefühl, wieder komplett sauber und durchgewärmt zu sein.