August 05, 2026
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Der Regen prasselt leise auf das Dach unseres Wohnmobils und weckt uns in den frühen Morgenstunden. Direkt am Hafen von Roskilde zu stehen ist auch bei grauem Himmel ein absoluter Glücksfall. Nach einem gemütlichen Frühstück machen wir uns auf den Weg und stehen kurz nach zehn Uhr vor dem Wikingerschiffsmuseum. Die Kulisse am Roskilde-Fjord ist spektakulär, verbindet sie doch moderne Museumspädagogik direkt mit dem historischen Gewässer.

Gleich zu Beginn zieht uns die große Schiffshalle in ihren Bann. Um elf Uhr nehmen wir an der englischsprachigen Führung teil, die uns tief in die Geschichte der fünf originalen Skuldelev-Schiffe eintauchen lässt. Diese wurden im elften Jahrhundert im Fjord versenkt, um die wichtige Seestraße nach Roskilde vor feindlichen Angriffen zu schützen. Durch diese Blockade einer der Fahrrinnen mussten Eindringlinge eine längere und schwerer zu befahrende Route nehmen. Gleichzeitig schlugen Späher über ein Netz von Leuchtfeuern Alarm, sodass man in der Stadt bereits Stunden vorhewarnt war. Während die Wikinger sonst für ihre geniale Ingenieurskunst bekannt sind, zeigt das dreißig Meter lange Kriegsschiff Skuldelev 2 ein ganz anderes Bild.

Die Führerin erklärt uns, dass dieses Schiff im Grunde aus absolutem Schrott zusammengeschustert wurde. Es besteht aus extrem minderwertigem Holz voller Astlöcher und unsauber verarbeiteten Reste-Planken. Normalerweise staunt man über die hohe Handwerkskunst der Nordmänner, doch hier wirkt der Bau erstaunlich nachlässig und billig. Warum das so ist, ob Eile, Geldnot oder etwas anderes der Grund war, bleibt im Dunkeln. Gut möglich, dass dieses ausgediente Resteschiff genau deshalb am Ende entbehrlich war und zusammen mit den anderen Booten als Barriere im Fjord versenkt wurde. Im krassen Gegensatz dazu steht das Frachtschiff Skuldelev 3 aus wunderschönem, massivem Eichenholz, das für Langlebigkeit und schwere Handelswaren gebaut war. Ein Schiff war damals ein sehr wertvoller Besitz im Wert etwa Vergleichbar mit einem Privatflugzeug heute. 

Um zwölf Uhr geht es weiter mit der Führung draußen an den Bootswerkstätten. Hier spürt man das historische Handwerk mit allen Sinnen. In der Holzwerkstatt fliegen die Späne, während Baumstämme mit Äxten entlang der Fasern gespalten werden.
Nebenan in der Seilerei wird Tauwerk aus Lindenbast gedreht, und die Weberin verarbeitet Wolle am stehenden Gewichtswebstuhl. Das Segel war damals das teuerste Einzelteil des gesamten Schiffs. Ein riesiges Wollsegel erforderte die Wolle von hunderten Schafen und Jahre reiner Handarbeit einer Weberin. Bei mehreren ging es natürlich schneller. Die Wollsegel wurden aus Teilstücken zusammengenäht und mit Ölen, Harzen oder sogar Teer wetterfest gemacht. Ein Wollsegel konnte ein Schiff mit einer angenommenen Lebensdauer von 30 Jahren überleben. 

Spannend ist auch ein technisches Detail zur aktuellen Arbeit auf der Werft. An den neuen Rekonstruktionen werden heutzutage Kupfernägel und Kupfernieten verwendet. Die Wikinger nutzten zwar Eisen, doch moderner Industriestahl rostet im salzfeuchten Milieu  schnell. Das Eisen dehnt sich beim Rosten aus und sprengt die kostbaren Eichenplanken förmlich auf. Bis die Forschung das exakte Wikinger-Moorerz vollends entschlüsselt hat, schützt man das Holz durch Kupfernägel vor Zerstörung. 
In der kommerziellen Werkstatt nebenan (wo die Schiffsbauer Auftragsarbeiten durchführen und dabei om Gegensatz zur historischen Abteilung auch moderne Werkzeuge nutzen dürfen) wird aktuell an einem verrückten Projekt gearbeitet. Es entsteht derzeit eine Replika des berühmten Oseberg-Schiffs für eine Gruppe amerikanischer Veteranen, die damit von Norwegen bis nach Florida über den Atlantik segeln wollen. Einige von ihnen wollen zuvor noch segeln lernen. Viel Glück, meint die Führerin. 

Nach so vielen Eindrücken ziehen wir uns für ein frugales Mittagessen ins Wohnmobil zurück. Gut gestärkt schauen wir uns am Nachmittag im Museum noch einen Film über die Erprobung der Schiffsnachbauten auf hoher See an, vertiefen uns in die letzten Ausstellungsdetails und bestaunen die schwimmenden Replikate im Außenbereich.

Danach verlassen wir das Museumsgelände für einen Spaziergang durch das idyllische Viertel rund um die alte St. Jørgensbjerg Kirche. Die historischen Fachwerkhäuschen und die friedliche Atmosphäre versprühen den Charme eines Freilichtmuseums. Gleich nebenan werfen wir einen Blick in die Glaswerkstatt im alten Gaswerk, wo traditionelle Industriekultur auf Kunsthandwerk trifft.

Bevor der Tag endet, müssen wir den Stellplatz kurz verlassen, um beim Lidl frisches Brot und Wasser aufzufüllen. Auf dem Rückweg legen wir einen Zwischenstopp beim Kreativviertel Musicon ein. 
Das Zentrum ist das Rockmuseum in dem auffälligen goldenen Gebäude. Uns interessiert aber viel mehr die Architektur aus umgebauten Frachtcontainern. Die raue Industrieästhetik und Streetart rund um das Musicon bildet einen Kontrast zur Wikingergeschichte.
Schließlich steuern wir wieder unseren Schlafplatz direkt am Hafen an, stellen das Wohnmobil ab und lassen den Abend mit Blick auf das ruhige Wasser des Fjords ausklingen.
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