In der Nacht hat es heftig gewittert und geblitzt, der Regen prasselte bis in die frühen Morgenstunden. Nach einer dennoch erholsamen Nacht im Hotel La Rose in Selinunte erwartet uns am Morgen ein leckeres, reichhaltiges Frühstück mit frischem Obst, süßen sizilianischen Leckereien und kräftigem Cappuccino – genau das Richtige, um gestärkt in den Tag zu starten.
Gegen Vormittag brechen wir auf in Richtung Realmonte zu unserem nächsten Ziel der Scala dei Turchi.
Diese beeindruckende Felsformation liegt direkt an der Küste und besteht aus blendend weißem Mergelgestein, einer Art Kalkstein-Ton-Mischung, die über Jahrtausende durch Wind und Meer zu weichen, wellenförmigen Terrassen geformt wurde. Ihr Name bedeutet wörtlich „Treppe der Türken“ – er geht auf die Legende zurück, dass Piraten aus Nordafrika (im Volksmund oft „Türken“ genannt) hier einst anlandeten, weil die glatten Stufen ihnen als natürliche Anlegehilfe dienten.
Der Ausblick ist spektakulär: das Meer schimmert türkis bis milchig-weiß, und das helle Gestein leuchtet im Kontrast dazu fast unwirklich. Ein kurzer Aufenthalt für Fotos – dann geht es weiter nach Agrigent.
Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Osteingang des Archäologischen Parks im Tal der Tempel. Der Regen der vergangenen Nacht hat den Parkplatz in eine Matschlandschaft verwandelt, und unser Auto hat ordentlich zu kämpfen, bis wir einen festen Platz finden.
Trotz des feuchten Bodens ist der Besuch überwältigend. Der Rundgang führt uns von Ost nach West durch eines der bedeutendsten Ausgrabungsgebiete der antiken Welt. (UNESCO Welterbe)
Gleich zu Beginn steht der imposante Tempel der Hera (Tempel der Juno), der hoch über dem Tal thront. Er wurde um 450 v. Chr. erbaut und ist ein spektakulärer Anblick. Von dort führt der Weg weiter hinunter zum Tempel der Concordia, dem am besten erhaltenen dorischen Tempel der gesamten griechischen Welt. Er stammt aus derselben Zeit und verdankt seinen guten Zustand der Tatsache, dass er im 6. Jahrhundert n. Chr. in eine christliche Kirche umgewandelt wurde.
Weiter westlich folgen die Ruinen des Herakles-Tempels, des ältesten Heiligtums im Tal (um 510 v. Chr.), dessen teilweise wiederaufgerichtete Säulen eindrucksvoll die gewaltigen Dimensionen des Baus zeigen. Danach gelangt man zu den Resten des Zeus-Tempels – einer der größten je errichteten Tempel der Antike. Seine Bauweise war außergewöhnlich: Zwischen den gewaltigen Mauern standen kolossale Steinfiguren, sogenannte Telamone, die als Stützfiguren dienten. Heute liegen sie zerbrochen im Gelände, doch eine restaurierte Telamon-Figur ist im Museum zu sehen.
Den westlichen Abschluss bildet der Tempel der Dioskuren (Castor und Pollux) – nur teilweise rekonstruiert, aber ein schönes Fotomotiv, besonders vor der Kulisse der Säulenbruchstücke.
Der antike Name Agrigents lautete Akragas, so benannt nach dem kleinen Fluss, der unterhalb der Stadt ins Meer mündet. In der Antike galt Akragas als eine der prachtvollsten und reichsten Städte der griechischen Welt. Der Philosoph Empedokles, selbst aus Akragas stammend, soll einst gesagt haben, die Einwohner „lebten, als ob sie morgen sterben müssten, und bauten, als ob sie ewig leben würden.“
Nach ihrer Blütezeit geriet die Stadt mehrfach unter fremde Herrschaft: Karthager, Römer, Byzantiner, später Araber und Normannen prägten das Gebiet. Der Niedergang der antiken Metropole begann nach der römischen Eroberung im Jahr 210 v. Chr. Viele Tempel wurden zerstört oder als Steinbruch genutzt, andere in Kirchen oder Festungsbauten umgewandelt. Im Mittelalter verlagerte sich das Leben hinauf auf den heutigen Hügel von Agrigent, während das Tal der Tempel allmählich verfiel. Was blieb, sind die stillen, majestätischen Ruinen – Zeugen einer Stadt, die einst als das „schönste der Sterblichen“ galt.
Wir treten den Rückweg zum Parkplatz an. Noch einmal müssen wir den schlammigen Untergrund meistern und die Reifen erst wieder langsam auf der Straße frei fahren, bevor wir zum nächsten Ziel gelangen: dem Archäologischen Museum von Agrigent.
Dort verbringen wir zweieinhalb Stunden, tauchen tiefer in die Geschichte der antiken Stadt Akragas ein – von ihrer Gründung im 6. Jahrhundert v. Chr. bis zu ihrer Blütezeit unter den Griechen und späteren Zerstörung durch die Karthager. Besonders beeindruckend sind die originalen Skulpturen und Friese aus den Tempeln sowie eine der gewaltigen Telamon-Figuren des Zeus-Tempels, die hier aufrecht präsentiert wird und die einstige Größe des Bauwerks erahnen lässt. In den Vitrinen bewundern wir tausende Keramikfunde von den großen Katern bis zu winzigen Figürchen, aus fast jedem Bereich des Lebens ist etwas dabei. Ich fotografiere ansonsten nicht viel in Vitrinen, aber hier musste ich einfach manchmal. Im Hinterkopf muss man immer behalten, dass die Artefakte alle mindestens nochmal 1/2 Jahrtausend älter sind als das was wir von den Römern in Deutschland kennen.
Als wir am späten Nachmittag das Museum verlassen, haben wir das Gefühl, einen ganzen Tag in der Welt der Antike verbracht zu haben – erschöpft, aber begeistert. Wir kaufen uns ein paar deftige landestypische Leckereien: Oliven, Pesto, Weißbrot und schmausen auf dem Zimmer.