Von der Antike Agrigents ins Barock Ragusas
Die Nacht über hat es kräftig geregnet, und auch am Morgen hängen noch schwere Wolken über der Stadt. Wir haben in Agrigent übernachtet – in einem schönen Apartment im obersten Stockwerk eines vierstöckigen Hauses. Nach dem Aufstehen gibt es ein typisch italienisches Frühstück, das aber durch einige besonders leckere, landestypische Teilchen vom Konditor deutlich aufgewertet wird. Gegen 9:30 Uhr brechen wir auf in Richtung Ragusa, rund 130 Kilometer entfernt. Das klingt zunächst nicht weit, aber die Strecke führt ausschließlich über italienische Landstraßen – eng, kurvig und kilometerlang mit Tempo 50 oder 60 durchgehend. So zieht sich die Fahrt, und wir brauchen fast drei Stunden, bis wir ankommen. Die Stadt ist seit 2002 im Verbund mit einigen Städten des Noto Tals Unesco Welterbe, da sie alle nach dem zerstörerischen Erdbeben 1693 neuerrichtet wurden und Musterbeispiele sizilianischen Barocks repräsentieren. Unser Parkplatz liegt direkt am Giardino Ibleo, am Rand der verkehrsberuhigten Zone. Glück gehabt: weiße Markierungen bedeuten hier kostenloses Parken. Gegen 13:00 Uhr beginnen wir unseren Rundgang durch den Stadtteil Ragusa Ibla, den ältesten Teil der Stadt.Der Giardino Ibleo, eine gepflegte Parkanlage mit Palmen, Zypressen und Blick auf die umliegenden Hügel, bildet den idealen Startpunkt. Gleich am Eingang steht die Kirche Santa Maria dei Cappuccini, im Park selbst die kleine Kirche San Domenico – beide schlicht, aber von schöner Lage. Nur wenige Schritte weiter treffen wir auf die Kirche Santa Maria Maddalena, deren Ursprung bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht und die nach dem Erdbeben von 1693 barock wiederaufgebaut wurde.Durch enge Gassen und kleine Plätze erreichen wir die Kirche San Giuseppe, deren elegante Fassade mit geschwungenem Giebel und reicher Ornamentik typisch für den spätbarocken Stil Siziliens ist. Von dort führt der Weg weiter zum Duomo di San Giorgio, dem Wahrzeichen von Ibla. Der Dom wurde zwischen 1738 und 1775 nach Plänen von Rosario Gagliardi errichtet, einem der bedeutendsten Architekten des sizilianischen Barock. Besonders beeindruckend ist die Treppe, die zur Hauptfassade hinaufführt, und die gewaltige Kuppel, die von weitem über der Stadt thront. Leider ist der Dom bis 16 Uhr geschlossen, also setzen wir unseren Rundgang zunächst fort. Wir schlendern kreuz und quer durch Ibla, steigen Treppen hinauf, durchqueren schmale Durchgänge, entdecken immer wieder Palazzi mit kunstvoll geschmückten Balkonen – groteske Masken, Tiergestalten und Engelsfiguren, die als Tragsteine dienen. Ein Beispiel (allerdings im Stadtteil Ragusa) dafür ist der Palazzo Bertini, berühmt für seine drei symbolischen Köpfe an der Fassade, die Weisheit, Torheit und Armut darstellen. Weiter geht es zur Parrocchia di San Giacomo und zur Kirche Santa Maria dell’Itria, deren bunt glasierte Kuppel mit blauen und grünen Majoliken schon von weitem auffällt. Diese Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert und wurde nach dem Erdbeben ebenfalls barock wiederaufgebaut. Über die steilen Straßen erreichen wir schließlich den oberen Stadtteil mit der Chiesa del Collegio di Maria Addolorata, etwas schlichter, aber mit schöner Fassade und harmonischen Proportionen. Nebenan steht die Cattedrale di San Giovanni Battista. Sie wurde zwischen 1706 und 1778 erbaut, nachdem das alte Ragusa beim Erdbeben zerstört worden war. Die Fassade ist ein typisches Beispiel des hochbarocken Kirchenbaus auf Sizilien, mit aufgelockerten Säulen, kräftigen Gesimsen und einer klaren Gliederung. Im Inneren beeindrucken die hohen Gewölbe, vergoldeten Stuckarbeiten und die mächtige Orgel. Beim Rückweg fangen wir noch einige interessante Fassaden ein und genießen noch einige Ausblicke über Ibla – die Stadt liegt in einem weiten Talkessel, und die verschachtelten Dächer, Kuppeln und Treppen ergeben ein faszinierendes Bild. Auf dem Weg liegt noch die kleine Santa Maria della Scala mit ihren grün-roten Portalen.Schließlich gelangen wir wieder zurück zum Dom San Giorgio, der nun geöffnet ist. Im Inneren herrscht eine feierliche Stimmung, gerade wird die große Orgel „Organum Maximum“ gespielt – der Klang füllt das Kirchenschiff und lässt die ganze Pracht des Raumes lebendig werden. Nach einer kleinen Pause und einem Eis gehen wir zum Auto zurück. Gegen Abend brechen wir auf zur letzten Etappe des Tages: rund 55 Kilometer bis Noto. Dort erreichen wir unser Bed and Breakfast Simonetta’s Rooms, ein freundlicher, kleiner Familienbetrieb. Ein langer, aber wunderschöner Tag liegt hinter uns – voller Eindrücke von einer Stadt, die wie kaum eine andere das sizilianische Barockzeitalter in Stein gefasst hat.