April 02, 2026
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Da das Wetter in Kampanien heute nicht mitspielt, entscheiden wir uns für das Museo Archeologico Nazionale di Napoli (MANN). Trotz der langen Schlange am Eingang – der Andrang ist enorm – lohnt sich das Warten. Das Museum beherbergt die Funde aus Pompeji und Herculaneum sowie die gigantische Farnesische Sammlung.
Wir arbeiten uns durch die Ebenen und analysieren die wichtigsten Exponate.
 
Nummer eins ist ein blaues Cameoglas gefunden in der Porta Ercolano in Pompeji. Es handelt sich um ein Luxusobjekt des 1. Jahrhunderts n. Chr. Die Herstellung in der Überfangtechnik (zwei Glasschichten) ist so risikoreich, dass nur wenige Exemplare weltweit existieren. Das Motiv zeigt eine dionysische Szene (Weinlese durch Eroten).
Als zweites treffen wir auf ein berühmtes Bild: Terentius Neo und seine Frau. Ein Wandgemälde (Fresco) aus einem Privathaus in Pompeji. Technisch gesehen handelt es sich um ein realistisches Porträt. Das Diptychon (Wachstafel) und der Stylus, den die Frau hält, sowie die Schriftrolle des Mannes sind Symbole für die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben. Sie waren in der römischen Handelsklasse ein entscheidendes Distinktionsmerkmal.
Objekt Nummer drei ist die Flora von Stabiae. Gefunden in der Villa Arianna. Es ist ein Beispiel für den Dritten Pompejanischen Stil (den "ornamentalen Stil"). Archäologisch interessant ist die Darstellung der Schrittbewegung – die Figur scheint im Raum zu schweben, was typisch für die späthellenistische Eleganz ist.
Bild vier ist die sogenannte Sappho, ein Rundbild aus Pompeji. Wissenschaftlich wird heute davon ausgegangen, dass es sich um eine junge Frau der lokalen Oberschicht handelt, die als Gelehrte dargestellt werden wollte. Die vier Wachstafeln und der Griffel am Mund signalisieren geistige Konzentration.
Ein weiteres Highlight sind die Bronzen aus der Villa dei Papiri. Die "Läufer" (oder Ringer) und die "Tänzerinnen" (Danaiden) sind römische Kopien griechischer Meisterwerke. Da Bronze in der Antike meist eingeschmolzen wurde, sind diese Stücke nur erhalten, weil sie durch den pyroklastischen Strom des Vesuvs in der Villa konserviert wurden. Die Glasaugen (Inkrustationen) sind original erhalten, was in der antiken Plastik extrem selten ist.
In der Mosaikenabteilung erwartet uns ein Memento Mori. Es handelt sich um ein Mosaik-Emblem aus der Officina libraria in Pompeji. Es ist eine visuelle Abhandlung über die epikureische Philosophie: Das Rad der Fortuna dreht sich ständig. Die Waage zeigt das Gleichgewicht zwischen Leben (links) und Tod (rechts).
Im Erdgeschoss unter den Großplastiken treffen wir auf die Artemis von Ephesos. Eine römische Kopie (2. Jh. n. Chr.) des Kultbildes aus dem Artemision von Ephesos. Die gelbe Färbung des Alabasters und die bronzenen Glieder imitieren die ursprüngliche Materialkombination. Neben den auffallenden, üppigen, als Eier, Brüste oder Stierhoden interpretierten,  Fruchtbarkeitssymbolen, finden wir auf ihrem Gewand (Löwen, Greifen, Stiere). Sie unterstreichen ihre Rolle als Potnia Theron (Herrin der Tiere).
Der Spitzenreiter bezüglich der Größe ist sicherlich der Farnesische Bulle. Gefunden in den Caracalla-Thermen in Rom. Es ist die größte überlieferte Marmorgruppe der Antike (Höhe ca. 3,70 m). Technisch gesehen eine "Pyramidenkomposition". Sie stellt den Mythos von Amphion und Zethos dar, die Dirke an einen Stier binden. Es ist eine römische Kopie eines rhodischen Originals (ca. 2. Jh. v. Chr.).
Ein paar Schritte entfernt findet sich die bezaubernde Venus Kallipygos. Gefunden im Domus Aurea Neros. Die Statue ist eine römische Kopie nach einem hellenistischen Original des 2. Jhs. v. Chr. Der Name leitet sich von den griechischen Wörtern kallos (schön) und pyge (Gesäß) ab. Die Statue verdeutlicht den Trend zum "Voyeurismus" in der späthellenistischen Kunst.
Nicht auslassen dürfen wir die Statue Doryphoros. Die am besten erhaltene Kopie des Originals von Polyklet (ca. 440 v. Chr.). Polyklet schrieb dazu ein theoretisches Werk namens "Kanon". Die Proportionen sind hier mathematisch ideal. Das Standmotiv (Kontrapunkt/Chiasmus) – die Verschränkung von Stand- und Spielbein mit der Bewegung der Arme geben dem Körper eine leichte S-Form. Die Proportionen und Haltung definieren die westliche Statuengeschichte bis heute.
Im Keller tauchen wir in die ägyptische Totenwelt ein. Die Schabti-Box der Mutemuia (18. Dynastie) und der Kartonage-Sarkophag des Ankhhapy (Ptolemäerzeit) zeigen die Kontinuität des Jenseitsglaubens über Jahrtausende. Die Verwendung von Bitumen, Gold und Pigmenten wie Ägyptisch Blau zeugt von der hohen chemischen Kompetenz der antiken Handwerker.
In den Sarkophagen liegen echte Mumien und Gebeine. 
Unterwegs zwischen diesen Highlights sind wir beim Durchstreifen noch an vielerlei Stücken hängengeblieben. Hier ein paar Bilder.
Wir verlassen das Museum und tauchen ein in das Viertel Sanitá. Es ist laut, echt und geschichtsträchtig. Unser Ziel sind zwei architektonische Meisterwerke von Ferdinando Sanfelice:
Da ist zum Einen der gleichnamige Palazzo Sanfelice, erbaut ab 1724. Architektonisch bahnbrechend ist die doppelte Treppenanlage im Innenhof. Sanfelice nutzt hier den Raum meisterhaft aus, um Licht und Bewegung in den massiven Bau zu bringen.
Gleich in der Nähe befindet sich der Palazzo dello Spagnolo. Das wohl berühmteste Beispiel des neapolitanischen Barocks/Rokokos. Die "Flügeltreppen" (Scale ad ali di falco) sind eine ingenieurstechnische Glanzleistung. Sie dienten nicht nur dem Aufstieg, sondern waren die soziale Bühne des Hauses, auf der man sah und gesehen wurde.
Nach einem kurzen Einkauf geht es mit der Circumvesuviana zurück nach Ercolano. Ein intensiver Tag zwischen antiker Perfektion und barocker Pracht geht zu Ende. Jetzt heißt es: Füße hochlegen und die Fotos sichten.
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