Ein 120-Minuten-Ticket ist heute morgen in Neapel Gold wert. Nach der Fahrt mit der Circumvesuviana nutzen wir es direkt weiter für den Bus zur Galleria Umberto.
Diese prachtvolle Einkaufspassage, erbaut zwischen 1887 und 1890, ist ein herausragendes Zeugnis der Risanamento-Epoche – einer Phase des massiven Stadtumbaus nach einer Cholera-Epidemie. Die riesige Glaskuppel und das Stahlskelett waren damals bautechnische Höchstleistungen. Der Boden ist mit prächtigen Mosaiken der Tierkreiszeichen verziert. Sie sollte das neue, moderne Gesicht Neapels nach der Einigung Italiens repräsentieren und den Übergang zum industriellen Zeitalter markieren.
Mit der Standseilbahn (Funicolare) geht es hoch in den Stadtteil Vomero. Das Viertel ist geprägt vom Jugendstil und bietet mit seinen Villen und breiteren Straßen einen Kontrast zum Chaos der Altstadt.
Wir passieren das Castel Sant’Elmo. Diese sternförmige Festung aus dem 14. Jahrhundert (später im 16. Jh. von den Spaniern massiv ausgebaut) ist architektonisch einzigartig, da sie direkt aus dem grauen Tuffstein des Berges gehauen wurde.
Den spektakulären Blick auf den Vesuv und den Golf von Neapel genießen wir von den Terrassen der Certosa di San Martino. Das Kloster ist ein Juwel des neapolitanischen Barocks, doch für uns steht heute die städtebauliche Perspektive im Vordergrund, während wir über die Treppenwege der Pedamentina hinab in das Quartieri Spagnoli steigen.
Unten angekommen, bewundern wir das Castel Nuovo. Besonders der triumphale Eingangsbogen aus weißem Marmor ist ein Schlüsselwerk der Renaissance, das den Sieg Alfonsos von Aragon feiert (leider abgedeckt wegen Renovierung).
Vorbei am prächtigen Palazzo Reale geht es über den weitläufigen Piazza del Plebiscito– ein Paradebeispiel für neoklassizistische Stadtplanung. Da das historische Caffè Gambrinus hoffnungslos überfüllt ist, ziehen wir weiter zu unserem eigentlichen Highlight des Tages: der Galleria Borbonica. Hier in der Nähe nutzen wir die letzte Zeit bis zum Beginn der Führung noch für einen Cappuccino und Snack in einem kleinen, etwas abseits gelegenen Cafe.
Um 15:00 Uhr beginnt unsere Führung durch die Galleria Borbonica (Bourbon-Tunnel). Dieses unterirdische System ist weit mehr als nur ein Tunnel; es ist eine vertikale Chronik der Stadtgeschichte.
Der Ursprung (1853): König Ferdinand II. von Bourbon gab den Tunnel in Auftrag. Die Intention war rein strategisch: Es sollte ein geheimer Fluchtweg vom Königspalast zu den Kasernen am Hafen sein, um bei Aufständen der Bevölkerung schnell Truppen bewegen oder fliehen zu können.
Der Architekt Errico Alvino musste das Projekt durch bereits existierende antike Aquädukte und Zisternen aus dem 17. Jahrhundert führen. Man sieht heute noch die Spuren der Pozzari (Brunnenreiniger) an den Wänden.
Während der Luftangriffe auf Neapel wurde der Tunnel zweckentfremdet. Er diente als riesiger Luftschutzbunker für bis zu 10.000 Menschen. Die sanitären Anlagen, provisorischen Betten und die tiefe Beklemmung dieser Zeit sind heute noch durch Relikte spürbar.
In den 1950er bis 70er Jahren wurde der Tunnel als polizeiliches Depot für beschlagnahmte Fahrzeuge genutzt. Heute sieht man dort verrostete Oldtimer, Vespas und Motorräder, die langsam mit dem Tuffstein zu verschmelzen scheinen – ein bizarres Denkmal der neapolitanischen Moderne.