April 04, 2026
0
Unser heutiger Tag beginnt praktisch direkt vor der Haustür. Der Eingang zu den Ausgrabungen von Herculaneum liegt nur wenige Schritte von unserem B&B entfernt. 
Während Pompeji von einem Regen aus lockerer Asche und Lapilli (Bimsstein) verschüttet wurde, wurde Herculaneum von pyroklastischen Strömen getroffen. Diese flüssigen, heißen Schlamm- und Aschelaugen (bis zu 400 Grad Celsius) verfestigten sich zu einer extrem harten, luftdichten Tuffsteinschicht von bis zu 25 Metern Dicke.
Durch den totalen Luftabschluss und die schlagartige Karbonisierung (Verkohlung) durch die Hitze blieben in Herculaneum Dinge erhalten, die in Pompeji verrottet sind: 
Originale Treppen, Dachstühle, Türrahmen, Regale und sogar ein Schiebegitter (Casa del Tramezzo di Legno).
Textilien und Lebensmittel: Reste von Stoffen, Brotlaibe, Getreide und sogar die Inhalte von Abwasserkanälen sind fossil erhalten.
​In Pompeji stürzten die meisten Dächer und Obergeschosse unter dem Gewicht der herabfallenden Asche ein. In Herculaneum floss der Schlamm in die Häuser hinein und füllte sie von unten nach oben auf. Dadurch wirkte die Masse als Stütze. Das Ergebnis ist eine weitgehende Erhaltung von zweiten Stockwerken und Balkonen, was uns ein präzises Bild der antiken Stadtdichte vermittelt.
Bevor man das antike Gelände betritt, führt eine erhöhte Promenade einmal um das schüsselartig tieferliegende Grabungsareal herum. Von hier oben wird die gewaltige Dimension der Katastrophe von 79 nach Christus greifbar: Man blickt auf die massiven Tuff- und Schlammschichten, auf denen das moderne Ercolano thront und unter denen die antike Stadt fast zwei Jahrtausende lang verborgen blieb.
Der antike Strand und die Bootshäuser
Nach dem Eintritt stehen wir an der ehemaligen Strandlinie. Heute liegt das Meer weit entfernt, doch damals brandeten die Wellen direkt an die Stadtmauer. Vor uns öffnet sich ein tiefer Graben, der den Blick auf die gewölbten Bootshäuser, die Fornici, freigibt. Hier suchten hunderte Menschen Schutz in der Hoffnung auf eine Evakuierung über das Meer. Die archäologischen Funde von Skeletten in diesen Gewölben haben das alte Bild korrigiert, nach dem fast alle Bewohner rechtzeitig fliehen konnten. Es ist ein beklemmendes Zeugnis der letzten Stunden. Wir haben die Gebeine, die dort lagen nicht fotografiert.
Haus des Argus (Casa dell Argos): Dieses Gebäude ist berühmt für sein weites Peristyl, dessen Säulengänge an drei Seiten erhalten sind. Es war eines der ersten Häuser, das im 19. Jahrhundert großflächig freigelegt wurde. Besonders beeindruckend sind die verkohlten Holzregale in den oberen Stockwerken, die einen Einblick in die römische Vorratshaltung geben.
Haus der Herberge (Casa dell Albergo): Mit über 2000 Quadratmetern ist dies das größte Privathaus der Stadt. Es erstreckt sich über mehrere Terrassen zum antiken Meer hin. Archäologisch interessant ist das private Bad innerhalb des Hauses, ein Zeichen für den enormen Wohlstand des Besitzers.
Haus des Skeletts (Casa dello Scheletro): Benannt nach den 1831 im Obergeschoss gefundenen Überresten. Ein Highlight ist das Nymphäum im hinteren Teil des Hauses, das mit Mosaiken und falschen Grotten verziert ist, um trotz der dichten Bebauung eine luxuriöse Gartenatmosphäre zu schaffen.
Thermopolium auf Cardo 1: Diese antike Garküche zeigt die typischen in den Tresen eingelassenen Tongefäße, die Dolia. Hier wurde warmes Essen an die Bevölkerung verkauft, die in ihren oft küchenlosen Mietwohnungen lebte.
Haus des Galba (Casa di Galba): Dieses Haus besticht durch sein Peristyl mit dorischen Säulen aus Tuffstein. Es ist ein klassisches Beispiel für die herrschaftliche Architektur der republikanischen Zeit, die später den kaiserzeitlichen Standards angepasst wurde.
Zentrale Thermen Männerbereich (Terme Maschili): Technisch brillant ist hier das Hypokaustum-System für die Fußboden- und Wandheizung. Highlights sind das kreisrunde Frigidarium mit Malereien von Meeresfauna und das Caldarium mit seiner großen Apsis und dem Marmorbecken für Waschungen.
Haus der zwei Atrien (Casa dei due Atri): Eine architektonische Besonderheit, da das Haus über zwei separate Atrien verfügt.
Eines ist ein klassisches tuskanisches Atrium, das zweite diente vermutlich eher wirtschaftlichen Zwecken oder der Erschließung weiterer Räume.
Kollegium der Augustalen (Sede degli Augustali): Der Sitz der Priesterschaft des Kaiserkults. Die zentralen Wandmalereien zeigen die Einführung des Herkules in den Olymp. Besonders beeindruckend ist der Rest des Betts in der Pförtnerwohnung und das verkohlte Holzgebälk, das den enormen statischen Druck des Vulkanschlamms überdauert hat.
Werkstatt des Metallarbeiters (Bottega del Plumbarius): Eine Schmiede, in der man zahlreiche Metallgegenstände, Werkzeuge und Bleirohre fand.

Es ist ein wichtiges Zeugnis für das antike Handwerk und die lokale Produktion direkt im Stadtzentrum. An der benachbarten Taverne befindet sich noch eine Art Werbetafel. 
Überschrift: AD CUCUMAS bedeutet übersetzt "Zu den Töpfen" oder "Bei den Krügen" – der Name des Ladens.
​Preise: Unter den Krügen stehen Zahlen und Symbole. Beispielsweise steht IIII für 4 Asses (eine Kupfermünze). Die Farben halfen Analphabeten bei der Auswahl.
​Wahlspruch: Die roten Buchstaben unten enthalten meist die Formel OVF (Oro Vos Faciatis), was bedeutet: "Ich bitte euch, ihn zu wählen".
Haus des schwarzen Salons (Casa del Salone Nero): Namensgebend ist der prachtvolle Empfangsraum mit schwarzen Wandmalereien im vierten Stil. Diese dunkle Farbgebung galt als besonders vornehm und kostspielig. Hier wurde zudem ein Archiv mit verkohlten Wachstafeln gefunden.
Haus des schönen Innenhofs (Casa del Bel Cortile): Dieses Haus bricht mit dem klassischen Atrium-Schema. Stattdessen führt eine gemauerte Treppe in einem offenen Innenhof in das Obergeschoss, was fast schon an mittelalterliche Architektur erinnert.
Haus mit dem Neptun- und Amphitrite-Mosaik (Casa di Nettuno e Anfitrite): Eines der ikonischsten Häuser Herculaneums. Das Wandmosaik aus Glaspaste im Sommertriklinium zeigt die Gottheiten in einer Brillanz, die fast 2000 Jahre unbeschadet überstanden hat. 
Samnitenhaus (Casa Sannitica): Eines der ältesten Häuser (2. Jh. v. Chr.). Ein Highlight ist die Galerie im Atrium mit ionischen Säulen und feinen Stuckarbeiten, die den Reichtum der vorrömischen Bewohner zeigen.
Haus des hölzernen Trenngitters (Casa del Tramezzo di Legno): Das Prunkstück ist das originale, verkohlte Holzschiebegitter, das das Atrium vom Tablinum trennte. Es ist ein weltweit einzigartiges Beispiel für antike Innenarchitektur aus organischem Material.
Zentrale Thermen Frauenbereich (Terme Femminili): Der Frauenbereich ist kleiner als der der Männer, aber oft besser erhalten, da er in der Antike seltener umgebaut wurde. Ein absolutes Highlight ist das Mosaik auf dem Boden des Umkleideraums (Apodyterium), das einen Triton umgeben von Delphinen und anderen Meereswesen zeigt. 
Bäckerei des Sextus Patulcius Felix (Panificio di Sextus Patulcius Felix): Hier sieht man die massiven Getreidemühlen aus Lava-Gestein und den großen Backofen. Es wurden sogar verkohlte Brotlaibe gefunden, die heute im Museum lagern.
Palaestra: Ein gigantischer Sportkomplex mit einem kreuzförmigen Schwimmbecken in der Mitte. In dessen Zentrum steht eine bronzene Brunnenstatue in Form einer fünfköpfigen Hydra. Die Anlage unterstreicht die fast religiöse Bedeutung der körperlichen Erziehung.
Haus des Telephus-Reliefs (Casa del Rilievo di Telefo): Das zweitgrößte Haus der Stadt, direkt über dem Meer gelegen. Es ist berühmt für das Marmorrelief, das den Mythos des Telephus darstellt, und für seine prächtigen Marmorböden aus verschiedenfarbigen antiken Steinsorten.
Obwohl einige Bereiche wie die Villa dei Papiri oder die Terme Suburbane heute nicht zugänglich waren, bietet Herculaneum eine Dichte an Informationen, die Pompeji oft übertrifft. Die Möglichkeit, verkohltes Holz und mehrstöckige Strukturen in ihrem ursprünglichen Kontext zu sehen, macht diesen Ort zu einem einzigartigen Labor für die Archäologie. Wir kehren in unser B&B zurück und lassen die Eindrücke dieser versunkenen Welt sacken.

Next
This is the most recent post.
Älterer Post