Wir starten von unserem B&B in Herculaneum und nehmen die Circumvesuviana-Bahn nach Neapel. Da sich das Wetter überraschend aufklärt, tauschen wir den geplanten Museumstag spontan gegen eine intensive Altstadtbegehung ein. Es ist ein Tag der Schichten – von der griechischen Gründung bis in die heutige Zeit.
Unser Weg führt uns durch die Porta Capuana, ein prächtiges Renaissance-Tor, vorbei am mittelalterlichen Castel Capuano. Wir biegen in die quirlige Via dei Tribunali ein – historisch gesehen der Decumanus Maximus der römischen Stadt.
Im barocken Duomo di Santa Maria Assunta steigen wir hinab in die Krypta von San Gennaro. Hier begegnet uns der berühmte Kult der Blutverflüssigung.
Hintergrund: Wunder oder Wissenschaft?
Dreimal jährlich wird die Reliquie des Stadtheiligen präsentiert. Verflüssigt sich das geronnene Blut nicht, gilt dies den Neapolitanern als Vorbote für Katastrophen. Wissenschaftlich lässt sich dies durch Thixotropie erklären: Bestimmte Gele verflüssigen sich durch mechanische Einwirkung (wie das Bewegen der Ampulle). Es ist das perfekte Beispiel für die Symbiose aus antikem Aberglauben und tief verwurzeltem Glauben in Neapel.
Über zahlreiche Stufen geht es tief in den Tuffstein. Durch einen extrem engen Tunnel – kaum schulterbreit – gelangen wir mit Taschenlampen in die riesigen antiken Zisternen. Das griechisch-römische Aquäduktsystem ist ein Meisterwerk der antiken Hydrologie, wurde aber auch im zweiten Weltkrieg als Schutzraum für die Bevölkerung genutzt. Anschließend gehen wir mit dem Führer ein paar Ecken weiter, betreten ein unscheinbares Wohnhaus und stehen plötzlich in den Resten des Römischen Theaters von Neapolis. Dort, wo einst Kaiser Nero auftrat, bilden heute massive römische Bögen das Fundament für die darüberliegenden Wohnungen. Die technische Leistung, ein gesamtes Stadtviertel auf die antiken Ränge zu bauen, ist atemberaubend, aber stabiler geht es nicht.
Wieder am Tageslicht folgen wir dem Decumanus Maximus weiter westwärts bis zu einem freigelegten Abschnitt der griechischen Stadtmauer. Von hier steigen wir hinunter zur Spaccanapoli (dem Decumanus Inferior).
An der Piazza Gesù Nuovo bewundern wir die gleichnamige Barock-Kirche mit ihrer ungewöhnlichen Diamantquader-Fassade aus dunklem Piperno-Stein. Direkt gegenüber liegt die gotische Basilica Santa Chiara. Da es schon spät ist, beschränken wir uns heute auf die Kirche; den berühmten Kreuzgang mit seinen Majoliken heben wir uns für einen anderen Tag auf.
Ein kurzer Zwischenstopp bei einem Café des neapolitanischen Rösters Passalacqua bringt die nötige Energie – der Cappuccino ist exzellent und typisch neapolitanisch geröstet.
Weiter geht es zur Kirche San Domenico Maggiore und durch die berühmte, aber extrem touristische Krippengasse (Via San Gregorio Armeno) hinauf zur Kirche San Lorenzo Maggiore im Stilmix französischer Gotik und Barock. Hier fasziniert uns besonders der Blick auf den Unterboden: Durch Glasplatten sind römische Mosaike sichtbar, die einen Eindruck vom antiken Marktplatz (Macellum) vermitteln, der direkt unter der Kirche liegt.
Über die Spaccanapoli laufen wir zur Porta Nolana und zum Hauptbahnhof. Nach einem schnellen Lebensmitteleinkauf bringt uns die Circumvesuviana zurück nach Herculaneum. Den Abend lassen wir bei ein paar Stücken Pizza ausklingen. Die Füße sind schwer, aber der Kopf ist voll von den Eindrücken dieser faszinierenden, vertikal geschichteten Stadt.