April 05, 2026
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Nach einer feiertagsbedingten Verzögerung bei der Bahn stehen wir gegen 10.30 Uhr endlich hinter der Kasse. Ein Traum wird wahr: Wir sind in Pompeji. Bewaffnet mit Plan, App und KI-Guide betreten wir das Gelände durch die Porta Marina, das antike Seetor, das einst direkt zum Hafen führte. Da die Stadt gewaltig ist, konzentrieren wir uns heute auf den südlichen Bereich.
​Wir betreten die Stadt durch die Porta Marina, das monumentale Seetor. Es ist das prächtigste der sieben Tore Pompejis und besitzt zwei getrennte Durchgänge: einen steilen für Lasttiere und einen flacheren für Fußgänger.
Direkt dahinter liegt die Basilika, das bedeutendste öffentliche Gebäude der Stadt. Mit ihren massiven Korinthischen Säulen diente sie nicht nur als Gerichtshof, sondern auch als Handelsbörse – das wirtschaftliche Herz der Kolonie.
Auf dem Weg zum Forum werfen wir einen Blick in das Haus mit den geometrischen Mosaiken. Es ist ein faszinierendes Beispiel für den frühen römischen Stil, bei dem großflächige Schwarz-Weiß-Muster die Böden dominierten, bevor bunte Figurenmosaike Mode wurden. Direkt daneben liegt die Casa di Championnet, die für ihre eleganten privaten Baderäume und den tiefen Blick in die Souterrain-Küche bekannt ist.
Weiter südlich passieren wir die Samnitische Palaestra. Dieser kleine, von Säulen umgebene Sportplatz stammt noch aus der Zeit vor der römischen Eroberung und zeigt die vornehmen Proportionen der griechisch-hellenistischen Architektur. In der Casa del Cinghiale, dem Haus des Wildschweins, begrüßt uns im Eingangsbereich ein namensgebendes Bodenmosaik, das ein von Hunden gejagtes Wildschwein darstellt – ein typisches Schutzsymbol für das römische Heim.
Bevor wir das sakrale Zentrum erreichen, streifen wir den Orto Botanico, in dem Archäobotaniker die antike Flora Pompejis rekonstruieren, und machen kurz Halt an der Casa delle Pareti Rosse. In diesem Haus der roten Wände befindet sich ein Lararium, ein Hausschrein, mit einer Widmung an die Laren, die den Hausherrn und sein Geschäft schützen sollten.
Wir erreichen das Foro Triangulare, das auf einem Lavavorsprung über dem Tal erbaut wurde. Hier stehen die imposanten Reste des Dorischen Tempels aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, der älteste Tempelbau der Stadt, der noch aus der archaischen Zeit stammt. Gleich daneben liegt der Quadriporticus. Dieser große quadratische Säulengang diente ursprünglich als Foyer für die Theaterbesucher, wurde aber nach dem Erdbeben von 62 nach Christus zur Gladiatorenkaserne umfunktioniert. Hier nutzen wir die historische Kulisse für unsere Mittagspause.
​Direkt angeschlossen sind die Vergnügungsstätten: Das Teatro Grande, ein riesiges Freilufttheater für 5000 Zuschauer, in dem Tragödien und Komödien aufgeführt wurden, und das Teatro Piccolo (Odeion). Letzteres war überdacht und verfügte über eine exzellente Akustik, was es ideal für musikalische Darbietungen und Dichterlesungen machte.
In dieser Gegend fallen die zahlreichen Garküchen, die Thermopolien, auf. Diese antiken Fast-Food-Stände mit ihren in Stein gehauenen Verkaufsstellen waren für die ärmere Bevölkerung überlebenswichtig, da einfache Mietwohnungen oft keine Kochstellen besaßen. Wir streifen kurz am Isistempel und dem Domus Cornelia vorbei, bevor wir in die prachtvollen Wohnhäuser eintauchen.
Die Highlights der Wohnkultur
Casa degli Amanti (Haus der Liebenden): Dieses Haus ist ein architektonisches Juwel, da das gesamte Obergeschoss des Peristyls erhalten geblieben ist – eine Seltenheit in Pompeji. Der Name stammt von einer feinen Inschrift: Liebende führen wie Bienen ein Leben so süß wie Honig. Die filigranen Malereien im vierten Stil zeigen eine Eleganz, die den hohen sozialen Status der Bewohner widerspiegelt.
Casa dei Ceii: Dieses Haus ist berühmt für die monumentale Jagdszene an der Rückwand des Gartens. Man sieht wilde Tiere wie Löwen und Stiere in einer weiten Ideallandschaft. Für Archäologen ist es ein Paradebeispiel dafür, wie die Römer durch Illusionsmalerei versuchten, ihre oft engen Stadthäuser optisch in die Natur zu öffnen.
Casa dell Efebo: Ein weitläufiger Komplex, der durch die Zusammenlegung mehrerer Häuser entstand. Das Highlight ist das Sommertriklinium im Garten mit seinen prachtvollen Wandmalereien und den Resten eines vergoldeten Bronze-Epheben, einer Jünglingsstatue, die als Lampenhalter diente. Es zeigt den extremen Luxus und den eklektischen Geschmack der späten Phase Pompejis.
Casa del Paquius Procolo: Hier beeindrucken vor allem die Mosaikböden. Im Eingangsbereich grüßt ein Mosaik-Hund, und im Inneren finden sich komplexe Szenen mit Tieren und Allegorien. Die Architektur ist streng symmetrisch und zeigt das klassische Ideal des römischen Atriumhauses.
Casa del Larario di Achille: Das Haus ist nach einem kleinen Hausschrein, einem Lararium, benannt, der mit Szenen aus der Ilias (dem Kampf um Troja) geschmückt ist. Diese Stuckreliefs sind von außergewöhnlicher handwerklicher Qualität und belegen die tiefe Verwurzelung der griechischen Mythologie im römischen Alltag.
Insula dei Casti Amanti (Die Insel der keuschen Liebenden) 

​Die Neuausgrabungen in dieser Insula sind ein Meilenstein der modernen Archäologie, da sie mit modernsten konservatorischen Methoden durchgeführt werden. Der Name leitet sich von einem berühmten Fresko ab, das ein Paar bei einem züchtigen Kuss während eines Gastmahls zeigt – ein seltener, fast unschuldiger Moment in der oft sehr expliziten römischen Wandmalerei.

​Wissenschaftliche Highlights und Befunde:

​Die Bäckerei (Pistrinum): Das Herzstück des Komplexes ist eine voll funktionsfähige Großbäckerei. Archäologisch sensationell sind die Funde in den Ställen: Hier entdeckten Forscher die Skelette von sieben Maultieren und einem Esel. Die Tiere wurden durch den Ascheregen und die pyroklastischen Ströme in ihren Pferchen eingeschlossen. 

​Die Neuausgrabungen 2023/2024: In den jüngsten Grabungskampagnen, die auch Teil der Fernsehdokumentationen waren, wurden Räume mit einer vollkommen neuen Farbpalette freigelegt. Besonders hervorzuheben ist ein Raum mit einem strahlenden Himmelblau (ägyptisch Blau), einer der teuersten Farbstoffe der Antike. Die Fresken zeigen mythologische Figuren und komplexe Stillleben, die so frisch wirken, als wäre der Putz erst gestern getrocknet. ​Handwerk und Alltag: In der Insula befindet sich auch die Werkstatt eines Malers. Man fand dort Farbtöpfe und Werkzeuge, die darauf hindeuten, dass das Haus zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs gerade renoviert wurde. Das ist für die Forschung extrem wertvoll, um die Technik der Freskomalerei (al fresco vs. al secco) im Detail zu studieren.
Das Haus des Trebius Valens die als antike Plakatwand diente: Zahlreiche übereinander geschichtete Wahlaufrufe belegen das intensive politische Leben Pompejis. Im Inneren beeindruckt ein Sommertriklinium im Garten, das über ein raffiniertes Wasserleitungssystem zur Kühlung der Speiseplätze verfügte – ein technisches Highlight römischer Wohnkultur. 
Casa della Venere in Conchiglia (Haus der Venus in der Muschel): Die gesamte Rückwand des Gartens wird von einem riesigen Fresko eingenommen, das Venus zeigt, wie sie in einer Muschel über das Meer gleitet. Es ist eines der bekanntesten Motive Pompejis und ein Meisterwerk der späthellenistischen Dekorationskunst.
Anwesen der Giulia Felice: Ein riesiger Komplex, der fast eine ganze Insula einnimmt. Julia Felix war eine geschäftstüchtige Frau, die Teile ihres Anwesens vermietete. Die Anlage umfasst Privatbäder, Läden und einen wunderschönen Garten mit einem Portikus, dessen Säulen mit feinen Marmorverkleidungen versehen sind. Es ist ein frühes Beispiel für eine gewerbliche Immobiliennutzung in der Antike.
Wir erreichen das Amphitheater, das älteste erhaltene Steintheater der römischen Welt (erbaut um 70 v. Chr.). Gleich daneben liegt die Palaestra Grande, ein riesiger Sportplatz mit einem Schwimmbecken in der Mitte. Wir besichtigen hier nur die beeindruckende Architektur der umlaufenden Säulengänge.
Auf dem Weg zurück passieren wir die Casa della Nave Europa, benannt nach einem schwer fotografierbaren Schiffsgraffito, und werfen einen Blick auf die Casa degli Epidi. In der Via dell Abbondanza, der geschäftigen Hauptstraße, fallen uns die zahlreichen Werbesprüche und politischen Aufrufe an den Wänden auf. Kurze Botschaften preisen die Qualitäten von Kandidaten an oder werben für Gladiatorenspiele.
Die Thermen und das Forum
Terme Stabiane sind die ältesten Thermen der Stadt. Sie zeigen die perfekte Organisation des römischen Badewesens mit getrennten Bereichen für Männer und Frauen sowie den verschiedenen Temperaturzonen vom Frigidarium bis zum Caldarium. Besonders die Stuckdekorationen an den Gewölben sind hier prachtvoll erhalten.
Das Forum: Das politische und religiöse Herz der Stadt.
Hier stehen wir vor dem Tempel des Jupiter, flankiert von den Ehrenbögen. Wir streifen kurz am Tempel des Genius Augusti, dem Macellum (der Markthalle), der Mensa Ponderaria (dem Ort für die Eichung der Maße und Gewichte) und dem Heiligtum des Apollo vorbei.
Mit müden Füßen, aber voller Eindrücke von der unglaublichen Dichte dieser versunkenen Welt, machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof und fahren zurück nach Ercolano. Pompeji hat uns heute nur einen Bruchteil seiner Schätze gezeigt, aber diese waren überwältigend.