April 07, 2026
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Heute nach dem Frühstück und der Bahnfahrt nach Pompei starten wir pünktlich um 10:00 Uhr an der Ausgrabungsstätte. Mit dem „Pompeji Plus“-Ticket haben wir zusätzlich Zugang zu den exklusiven Villen außerhalb der Stadtmauern. Unser Weg führt uns durch die aristokratischen Viertel im Nordwesten bis hin zu den neuesten Prachtstücken der Ausgrabung. Es scheint an diesem Dienstagmorgen noch voller zu sein als am Ostersonntag. 
Die Thermen am Forum sind unser erster Halt ein technisches Meisterwerk der frühen römischen Kolonie (ca. 80 v. Chr.). Besonders beeindruckend ist der Männer Umkleideraum mit seinen Stuckreliefs und den typischen Nischen für die Kleidung. Die doppelte Wandführung zur Zirkulation der Heißluft ist hier in einem derart guten Zustand, dass man die römische Heiztechnik förmlich „lesen“ kann. Das Caldarium mit seinem Marmorbecken für Kaltwaschungen wirkt durch das einfallende Licht der Deckenöffnung fast sakral. 
Wir folgen der Via Consolare. Entlang der Straße fallen die funktionalen öffentlichen Brunnen und die zahlreichen Bäckereien auf, die die Versorgungsdichte der Stadt belegen. Wir passieren die Casa del Chirurgo, berühmt für die dort gefundenen, furchteinflößenden chirurgischen Instrumente, und verlassen die Stadt durch die Porta Ercolana. Dahinter beginnt die Gräberstraße. 
Besonders hervorzuheben sind hier:
Grab der Mamia: Ein spektakuläres Schalensitzgrab, das zeigt, wie verdiente Bürgerinnen öffentlich geehrt wurden.
Grab der Naevoleia Tyche: Ein prachtvolles Altar-Grab mit Darstellungen einer Schiffsszene und einer Totenfeier, das uns viel über das Selbstverständnis der wohlhabenden Freigelassenen-Schicht verrät.
Es folgt die prächtige Villa des Diomedes.
Diese Vorstadtvilla ist eine der größten Anlagen Pompejis und erstreckt sich über mehrere Terrassen. Architektonisch markiert sie den Übergang vom Stadthaus zum Landsitz. Beeindruckend ist das riesige Peristyl mit dem zentralen Garten und dem Sommer-Triklinium. In den gewaltigen unterirdischen Gängen suchten während des Ausbruchs 18 Menschen Schutz, deren Skelette man dort fand. Die Villa zeigt eine fast moderne Raumaufteilung mit privaten Badekomplexen und weiten Ausblicken, die den luxuriösen Lebensstil der Elite vor den Toren der Stadt verdeutlichen. Ein Anwärter auf das Highlight des Tages ist die Villa dei Misteri. Der namensgebende Freskenzyklus im Triklinium ist das bedeutendste Beispiel römischer Wandmalerei weltweit. Die lebensgroßen Figuren auf dem berühmten „Pompejanisch-Rot“ stellen höchstwahrscheinlich die Einweihung einer jungen Frau in Dionysischen Mysterien dar. Die Intensität der Farben und die plastische Ausarbeitung der Gesichter sind von einer Qualität, die die wissenschaftliche Welt seit ihrer Entdeckung 1909 fasziniert. 
Zurück innerhalb der Mauern Pompeis passieren wir eine Reihe bedeutender Häuser, die heute leider nur durch die Gitter zu bewundern sind:
Casa del Poeta Tragico: Bekannt für das „Cave Canem“-Mosaik im Eingang (Wachhund).
Casa dell’Ancora: Mit seinem ungewöhnlichen Garten auf zwei Ebenen.
Casa della Fontana Grande: Ein Zeugnis für den Trend zu prunkvollen Mosaikbrunnen in den Innenhöfen.
Casa dei Dioscuri: Wo einst prachtvolle Fresken von Kastor und Pollux den Eingang zierten.
Torre di Mercurio: Ein massiver Wehrturm der Stadtmauer, der die militärische Architektur Pompejis verdeutlicht.
Die Casa del Fauno nimmt eine ganze Insula ein (ca. 3000 qm) und ist der Inbegriff des hellenistischen Luxus. Auch wenn das Original des Alexander-Mosaiks in Neapel im Museum ist, lässt die schiere Größe der zwei Atrien und zwei Peristyle den Atem stocken. Leider wird das berühmte Mosaik im Museum gerade restauriert, sodass wir froh sind hier wenigstens sie Kopie betrachten zu dürfen. Die kleine Bronzestatue des tanzenden Fauns im Impluvium bleibt das Symbol für die Eleganz dieses Anwesens. 
Nach langer Restaurierung zeigt sich das Domus Vettiorum, Stolz zweier wohlhabender Freigelassener Aulus Vettius Conviva und Aulus Vettius Restitutus in vollem Glanz. Es ist ein „Museum“ des Vierten Pompejanischen Stils. Die mythologischen Wandbilder im Pentheus-Zimmer und im Ixion-Zimmer sind von einer Detailtiefe, die ihresgleichen sucht. Besonders charmant ist der Fries der Putten, die verschiedene antike Handwerke ausüben – vom Goldwaschen bis zur Weinproduktion. Der Garten wurde exakt nach den antiken Wurzelspuren bepflanzt und vermittelt eine authentische Atmosphäre römischen Wohnens.
An der Casa della Leda e il Cigno bewundern wir von der Straße aus das sinnliche Fresko der Leda mit dem Schwan und eine etwas anzügliche Darstellung eines Mannes, Funde aus den jüngsten Grabungskampagnen. Es folgt die Casa della Nozze d’Argento (Haus der Silbernen Hochzeit), ein monumentales Beispiel für ein privates Atrium mit gewaltigen korinthischen Säulen – hier wird der repräsentative Charakter römischer Architektur fast erdrückend deutlich.
Den Abschluss bilden die Casa del Sirico, in der wir die luxuriöse Ausstattung eines wohlhabenden Handelsherrn sehen, und das Haus des Marcus Lucretius an der Via Stabiana mit seinem erhöhten Garten und den zahlreichen Marmorstatuetten.
Kurz vor Schluss werfen wir einen Blick auf die Zentralthermen. Sie waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs noch im Bau und zeigen uns heute, wie die Römer modernste Bautechniken (große Fensterfronten für Sonnenlicht, Warmluft führende Hohlziegel) umsetzen wollten. Am Tempel der Fortuna Augusta sehen wir schließlich die Verbindung von Religion und Kaisertreue in der städtischen Elite.
Mit Köpfen voller Eindrücke und müden Füßen verlassen wir Pompei glücklich, tief beeindruckt von der künstlerischen Qualität, die selbst in den „Vierteln der zweiten Reihe“ allgegenwärtig ist. Mit den Fahrplänen und Haltestellen der Circumvesuvianabahn kennen wir uns nun auch aus, sodass der Rückweg gut klappt.