Heute lassen wir es ruhig angehen. Nach einem gemütlichen Frühstück und dem Begleichen der letzten Rechnungen genießen wir unser Zimmer in Ercolano bis 10.30 Uhr. Dann heißt es ein letztes Mal: Koffer schleppen. Am Bahnhof von Ercolano sind Rolltreppen oder Lifts leider Fehlanzeige, was uns bei der Wärme noch einmal alles abverlangt. In Neapel angekommen, entscheiden wir uns bei der Gepäckaufbewahrung für die Posta Italiane im Hauptbahnhof. Die freien Anbieter in der Umgebung wirken auf uns teilweise recht windig, da ist uns die offizielle Variante der Post für unsere Koffer deutlich vertrauenswürdiger.
Befreit vom Gepäck widmen wir den Tag einer ganz besonderen Attraktion: Metro Art. Das Projekt Stazioni dell Arte wurde von der Stadtverwaltung ins Leben gerufen, um die öffentlichen Verkehrsmittel attraktiver zu machen und zeitgenössische Kunst in den Alltag der Menschen zu bringen. Über 100 Werke von weltweit renommierten Künstlern und Architekten machen die Linie 1 zu einer der längsten Galerien der Welt. Wir lösen ein 90 Minuten Ticket für faire 1,80 Euro und starten unsere Tour.
Unsere erste Station ist Toledo, entworfen vom spanischen Architekten Oscar Tusquets Blanca. Sie wurde mehrfach zur schönsten U Bahn Station Europas gekürt. Das Herzstück ist der Crater de Luz, ein gewaltiger Lichtschacht, der die Station mit Mosaiken in Blau und Weiß in eine Art Unterwasserwelt oder Eishöhle verwandelt. Man fühlt sich, als würde man in den Ozean hinabtauchen.
Weiter geht es zur Station Universita, gestaltet vom Designer Karim Rashid. Hier bricht eine Explosion aus Farben und Formen über uns herein. Die Pop Art Ästhetik mit ihren fließenden Linien und den digitalen Mustern auf den Böden und Wänden soll das vernetzte Zeitalter und die Kommunikation symbolisieren – ein krasser Kontrast zur historischen Stadt darüber.
An der Station Dante empfangen uns Werke von Jannis Kounellis und Joseph Kosuth. Besonders beeindruckend ist das Neon Kunstwerk von Kosuth an der Decke, das ein Zitat aus Dantes Gastmahl wiedergibt. Die Station wirkt sehr intellektuell und passt perfekt zum darüberliegenden Platz mit der Statue des großen Dichters.
In der Station Museo tauchen wir tief in die klassische Geschichte ein. Gae Aulenti hat hier eine Architektur geschaffen, die wie ein Vorbote auf das Archäologische Nationalmuseum wirkt. Wir sehen Kopien berühmter antiker Statuen wie den Farnesischen Herkules, die in die moderne Glas und Stahlkonstruktion integriert sind.
Hinauf zum Vomero und eine Fahrt mit der Funiculare Centrale
Wir erreichen Vanvitelli, den Knotenpunkt im eleganten Viertel Vomero. Die Station ist hell und übersichtlich, mit einer spiralförmigen Neoninstallation von Mario Merz an der Decke. Da wir Bergbahnen toll finden, machen wir hier einen Abstecher zur Funiculare Centrale. Diese Standseilbahn verbindet seit 1928 den Vomero mit dem Stadtzentrum an der Via Roma. Wir fahren einmal die gesamte Strecke runter und wieder rauf, nur um die Technik und das Ruckeln dieser historischen Bahn zu genießen.
Der Nachmittag gehört nochmal Vomero. Dieses Viertel liegt auf einem Hügel und wirkt deutlich ruhiger, edler und weitläufiger als die quirlige Altstadt. Wir spazieren durch einige sehenswerte Straßen und entdecken dies und das am Wegesrand – von kleinen Designläden bis hin zu prachtvollen Jugendstilvillen. Unser Mittagessen, eine ehrliche Focaccia und Pizza, genießen wir auf einer sonnigen Bank in bester Lage direkt am Piazza Vanvitelli.
Weiter geht es zu Fuß bis zur Piazza Medaglie d Oro. Hier gönnen wir uns den letzten Cappuccino und die obligatorischen Sfogliatelle in einem Straßencafé und beobachten das bürgerliche Leben Neapels. Von dort setzen wir unseren Metro Art Trip fort.
Die letzten Stationen und der Abschied
Wir besuchen die Station Quattro Giornate, die den vier Tagen des Aufstands von 1943 gewidmet ist. Die vielen Kunstwerke hier sind kämpferisch und emotional, sie zeigen den Widerstand der Neapolitaner gegen die deutsche Besatzung durch Skulpturen und Reliefs.
Unser letzter Stopp ist Materdei, entworfen von Alessandro Mendini. Diese Station ist ein wahres Farbspektakel mit Mosaiken und skurrilen Skulpturen, die fast spielerisch wirken. Sie gilt unter Kennern als eine der charmantesten Stationen des gesamten Projekts.
Schließlich fahren wir zurück zum Hauptbahnhof, holen unsere Koffer ab und stürzen uns in das unvermeidliche Verkehrschaos. Nach längerem Warten und inmitten eines typisch neapolitanischen Hupkonzerts bringt uns der Alibus zum Flughafen. Hier sitzen wir nun, blicken auf die intensiven Tage zurück und warten auf unseren Flug. Neapel und seine Umgebung haben uns mit ihrer Dichte an Geschichte, Technik und Kunst absolut überwältigt.