Wir brechen heute direkt nach dem Frühstück zu Fuß in den Stadtteil Portici auf. Der Ostermontag zeigt sich von seiner ruhigen Seite, die Straßen wirken friedlich und dieses Viertel erscheint uns deutlich gepflegter und herrschaftlicher als die unmittelbare Umgebung unserer Unterkunft. Unterwegs begegnet uns eine traditionelle Osterprozession – ein schöner , authentischer Moment. Vom Bahnhof Portici-Ercolano aus ist es nur eine kurze Fahrt zum Museo Nazionale Ferroviario di Pietrarsa.
Das Eisenbahnmuseum Pietrarsa: Eine makellose Industriekathedrale
Wir erreichen das Gelände gegen 10 Uhr und sind fast die ersten Besucher. Der Empfang ist hochprofessionell und der Ruf des Hauses bestätigt sich sofort: Es ist eines der schönsten Technikmuseen, die wir je gesehen haben. Das ehemalige Werksgelände der königlichen Dampfmaschinen- und Lokomotivfabrik, 1840 von Ferdinand II. von Bourbon gegründet, ist makellos renoviert. Die Hallen sind architektonische Schmuckstücke, die Außenanlagen mit direktem Meerblick und gepflegtem Grün wirken fast wie ein Park.
In der gewaltigen Dampflokhalle mit vielen Exponaten faszinieren uns besonders die beiden Lokomotiven mit zuschaltbarem Zahnradantrieb. Diese Meisterwerke der Ingenieurskunst wurden speziell für die steilen Stecken des Apennin entwickelt. Dazwischen entdecken wir klassische italienische Autos, die einen schönen Kontrast zum schweren Stahl bilden. Besonders spannend finden wir die Geschichte der massiven US-Army-Dampflok der Klasse S160. Diese Maschinen kamen nach der alliierten Invasion 1943 als logistisches Rückgrat fes Nachschubs nach Italien und prägten den Wiederaufbau des Schienennetzes massiv.
In den weiteren Pavillons bewundern wir aerodynamische Triebwagen wie die berühmten Littorine der 1930er Jahre, Schnellloks der 1950 und 60er und edle Waggons mit luxuriösen Abteilen. Die Miniaturenhalle lassen wir links liegen und stärken und im Museumscafé. Das Ambiente im Café ist edel und erinnert mit seinen Majoliken bereits an unser Nachmittagsprogramm. Wir schwelgen bei Cappuccino und authentischen, köstlichen Sfogliatelle aus hauchdünnem, knusprigem Teig.
Die Geburtsstunde der italienischen Eisenbahn
Die Replik der legendären Bayard, der ersten Lokomotive Italiens, wird leider nur hinter einem Vorhang im Zusammenhang mit einem Film gezeigt, dessen Start wir immer knapp verpassen. Doch das schmälert den Eindruck nicht. Gegen 13.30 Uhr nehmen wir direkt vor dem Museum den Zug nach Neapel. Wir befahren dabei die älteste Bahnstrecke Italiens (eröffnet am 3. Oktober 1839). Ferdinand II. wollte damals eine prestigeträchtige Verbindung zwischen seinem Regierungssitz in Neapel und seiner Sommerresidenz in Portici. Dass wir heute genau auf dieser historischen Trasse in die Metropole einfahren, ist ein tolles Gefühl.
Nach einem etwa 20-minütigen Spaziergang durch Neapel erreichen wir das Kloster Santa Chiara. Die Schlange am Eintritt ist zwar lang, entpuppt sich aber als reines Kassenproblem, da nur ein Schalter geöffnet ist. Drinnen verläuft sich der Besucherstrom glücklicherweise schnell. Während wir die gotische Kirche bereits kennen, konzentrieren wir uns heute ganz auf den berühmten Majolika-Kreuzgang (Chiostro Maiolicato).
Der ursprüngliche gotische Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert wurde zwischen 1739 und 1742 von Domenico Antonio Vaccaro radikal umgestaltet. Wir genießen die 64 achteckigen Säulen und die Bänke, die komplett mit farbenfrohen Majolika-Fliesen (glasierte Fayence) überzogen sind. Trotz Horden nerviger Selfiejägerinnen nehmen wir uns die Zeit und betrachten jedes einzelne Paneel. Die Darstellungen sind von hohem kulturhistorischem Wert: Statt religiöser Symbole sehen wir allegorische Landschaften, Jagdszenen und Alltagsszenen aus dem ländlichen Leben des 18. Jahrhunderts. Es ist eine weltliche Oase inmitten der klösterlichen Stille.
Archäologie und Leonardo da Vinci
Unter dem Klosterkomplex liegen archäologische Funde. Es sind die Überreste einer römischen Thermalanlage aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Dies ist das größte antike Bad, das bisher in Neapel freigelegt wurde, und man erkennt deutlich die Abfolge von Frigidarium, Tepidarium und Caldarium. Als besonderes Highlight sehen wir zudem Originale aus dem Codex Atlanticus von Leonardo da Vinci. Diese Sonderausstellung zeigt drei Originale seiner visionären technischen Zeichnungen und schlägt eine faszinierende Brücke von der Renaissance-Wissenschaft zur Eisenbahntechnik des Vormittags.
Zum Abschluss des Tages schlendern wir über die Spaccanapoli Gasse quer durch die Altstadt. Ein obligatorischer Kaffeestopp im Passalacqua Café darf nicht fehlen – wir trinken unseren Cappuccino ganz italienisch im Stehen an der Theke. Gegen 18.30 Uhr treten wir die Heimfahrt in der (wie fast immer) ziemlich vollen Circumvesuvianabahn nach Ercolano an. Ein Tag voller technischer Meilensteine und ästhetischer Höhepunkte geht zu Ende.