Von unserem Hotel aus geht es am Morgen mit der U-Bahn bis zur Station Stadion. Heute bin ich alleine unterwegs, da M. sich nach den vielen Schritten der letzten Tage etwas Ruhe gönnt und stattdessen das Hofmobiliendepot (Möbelmuseum) erkundet, um sich den kaiserlichen Möbeln und der Wohnkultur der Habsburgermonarchie zu widmen. Mich zieht es direkt auf den Discgolf-Parcours im Wiener Prater, der im weitläufigen Freizeitareal der ehemaligen kaiserlichen Jagdgründe liegt. Statt den vollen Kurs aus 18 Bahnen zu spielen, entscheide ich mich für zwei verschiedene kompakte 9er Runden. Die technisch anspruchsvollen Bahnen zwischen den alten Baumbeständen fordern präzise Würfe. Die Grünanlagen des Praters gehen historisch auf das von Kaiser Joseph II. im Jahr 1766 für die Allgemeinheit freigegebene Areal zurück, das sich schnell vom kaiserlichen Revier zum beliebten Treffpunkt für Erholung und Sport entwickelte.
Nach den zwei Runden Discgolf führt der Weg weiter in den nahegelegenen Augarten. Die barocke Gartenanlage präsentiert sich ruhig und erhaben, setzt aber zugleich einen erstaunlichen historischen Kontrast. Neben der symmetrisch angelegten Parklandschaft und dem eleganten Palais Augarten, einem Barockschloss aus dem 17. Jahrhundert, das heute den Wiener Sängerknaben als Heimstätte und Schule dient und einst Schauplatz von Morgenkonzerten unter Wolfgang Amadeus Mozart war, ragen zwei gigantische Flaktürme aus Stahlbeton in den Himmel. Diese mächtigen Konstruktionen wurden zwischen 1942 und 1944 als kombinierte Schutzraum- und Luftabwehrkomplexe der Wehrmacht errichtet. Die massiven Gefechts- und Leittürme des Typs III besitzen bis zu dreieinhalb Meter dicke Außenwände aus Eisenbeton und sollten nach den damaligen Vorstellungen des NS-Regimes nach Kriegsende als Propagandamonumente verkleidet werden. Heute stehen die imposanten Kolosse als unübersehbare, Mahnmal gleichende Zeugen der Geschichte mitten im Grünen.
Weiter geht es zum Schottenring, wo die Architektur der Wiener Moderne auf den Plan tritt. Hier bewundere ich ein prachtvolles Gebäude von Otto Wagner. Der Pionier der modernen Architektur brach Ende des 19. Jahrhunderts bewusst mit dem historisierenden Stil der Gründerzeit und setzte neue Maßstäbe im städtischen Bauen. Wagner nutzte neuartige Materialien wie emaillierte Backsteinplatten, Aluminium und Eisenguss, um eine funktionale Ästhetik mit klarer Linienführung und moderner Ingenieurskunst zu verbinden.
Nur wenige Schritte weiter erreiche ich die architektonisch beeindruckende Rossauer Kaserne. Der riesige Komplex wurde in den 1850er Jahren im Zuge der Errichtung des Wiener Defensionsgürtels als Kronprinz-Rudolf-Kaserne erbaut. Die Architektur orientiert sich stilistisch an der romantischen Historienarchitektur und dem Backstein-Romantikstil des Zeughauses im Arsenal. Typisch für die damalige Festungsarchitektur sind die zinnenbewehrten Ecktürme und die weithin sichtbaren Backsteinfassaden, die militärische Stärke ausstrahlen sollten.
Als die ersten Regentropfen einsetzen, trete ich den Rückweg zum Hotel an. Unterwegs mache ich Halt an einem kleinen Stand und decke mich mit frischen Schnitzelsemmeln und einem Stück traditionellem Apfelgebäck ein. Zurück im Hotelzimmer machen wir es uns gemütlich und lassen uns das mitgebrachte Essen gemeinsam schmecken, während M. von ihren Eindrücken aus dem Möbelmuseum berichtet.
Der Tag ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Für den heutigen Abend steht unser gemeinsamer kultureller Höhepunkt auf dem Programm. Wir machen uns fein und gehen zusammen in die Volksoper Wien, um Johann Strauss’ berühmte Operette Die Fledermaus zu erleben. Das 1898 als Kaiser-Jubiläum-Stadttheater eröffnete Haus an der Währinger Straße bietet den perfekten Rahmen für dieses Meisterwerk der Wiener Operettentradition, das 1874 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde und bis heute als absoluter Glanzpunkt der goldenen Operettenära gilt.
Hach, welche Nacht, welch ein Fest voll Freud...